MOMENT - MOMENTANEAMENTE

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Es ist windig, böig. Die letzten eisigen Tage sind den ersten Frühlingsahnungen gewichen. Die Luft ist lau, beinahe warm. 

Er hat viel zu wenig Zeit, sitzt an seinem Schreibtisch, einem Erbstück seines italienischen Großvaters und schaut nachdenklich in seinen Computer. Ein seltsames Bild. Die beiden Dinge wollen nicht so recht zusammen passen. Doch ist es dieser alte Schreibtisch, mit seiner feinen Maserung, der ihm Ruhe gibt für die Arbeit. Fast so als wäre sein Holz noch ein Baum, verwurzelt, Schatten spendend in italienischen Sommern.

Als die Fensterscheiben des Hauses leise klirren, hebt er den Kopf und schaut hinaus. Hinaus über den Pfad, der sich schlängelt bis zur Felsenkante, die ihn abzuschneiden scheint, um den Blick auf das weite Meer zu öffnen. 
Und trotz des aufbrausenden Windes an Land, liegt es still dar, dunkel und geheimnisvoll in vielen graublauen Nuancen. Wartet es darauf  endlich in Bewegung zu kommen?

Seine Augen eilen über  die Felsenkante und fast hätte er sie gar nicht gesehen. Eine Gestalt, klein, eine Frau und ihr roter Mantel weht, bläht sich auf als wolle der Wind sie mit sich nehmen, doch er zerzaust nur ihr Haar.

»Wie lange sie da wohl schon steht?«, fragt er sich und wundert sich darüber, dass ihr der Wind, der inzwischen wirklich stürmisch ist, nichts anhaben kann. »Sie schaut auf das Meer, ihr Gesicht kann ich nicht erkennen. Vielleicht«, denkt er, »sollte ich hinausgehen? Ich könnte mit ihr sprechen, für einen Moment und ... Aber will ich, was will ich?«, sinniert er weiter.
»Nein! Eigentlich habe ich keine Zeit« und er widmet sich wieder seinem Computer, auf dem alten Schreibtisch seines italienischen Großvaters. Im Kamin knistern die Flammen unruhig, durchziehen den Raum mit einer wohligen Wärme und leise klirren die Scheiben der Fenster. Noch einmal schaut er auf. Verschwunden! Die Gestalt ist verschwunden. Verweht? 

Und gerade noch sichtbar verbünden sich Wind und Meer, bevor der einsetzende Regen gegen die Scheiben peitscht und jede Durchsicht verhindert.

»Taucht er auf?«, fragt er sich, »mal schauen ob er auftaucht, ein richtig freier Moment …«

Februar 2018 - ZwielichtPOESIE

© malsehen *2016